Forschungsprojekt

Ansprechpartner Prof. Dr. Christian Wiese|Prof. Dr. Kerstin Schoor|Prof. Dr. Jascha Nemtsov

Promotionskolleg „Gebrochene Traditionen? Jüdische Literatur, Philosophie und Musik im NS-Deutschland“ (2024-2028)

Mit der Forschungsfrage nach Gebrochenen Traditionen? widmet sich das von der Hans-Böckler-Stiftung zunächst für 4,5 Jahre geförderte interdisziplinäre Promotionskolleg aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven der Untersuchung von religionsphilosophischen und künstlerisch-ästhetischen Traditionsbezügen im kulturellen Leben deutscher Jüdinnen und Juden der 1930er und frühen 1940er Jahre im NS-Deutschland. Bereits vorliegende Forschungen verweisen darauf, dass – forciert durch politische Zensur, Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerungsminderheit in Deutschland – die damaligen Entwicklungen in Literatur, Philosophie und Musik stärker als in anderen Zeiten geprägt waren durch eine (kritische) Reflexion überkommener Traditionen und, damit einhergehend, erkennbarer (Neu-)Bestimmungen intellektueller und künstlerisch-ästhetischer Positionen ihrer damaligen Akteure.

Angesichts der Krise des Emanzipationsprojekts, die sich seit der Reichsgründung 1871 bis in die Jahre der Weimarer Republik zunehmend verstärkt hatte, waren dabei schon vor 1933 durchaus divergierende Strategien entworfen worden, um der durch die gesellschaftlichen Diskriminierungen aufgeworfenen Problematik eigener sozialer, kultureller wie nationaler Selbstbestimmung zu begegnen. Diasporakonzepte im Zeichen des Sozialismus oder Anarchismus, des Humanismus, des konservativen Universalismus oder eines wie auch immer gearteten Territorialismus gerieten innerhalb Deutschlands aber seit 1933 ebenso in die Krise wie jede Propagierung der „Assimilation“, die sich auf wesentliche Grundannahmen der Aufklärung berief und der sich als radikaler Form der Akkulturation die Mehrheit der deutschen Juden vor 1933 verschrieben hatte. Seit 1933 öffneten sich daher mehr und mehr deutsche Jüdinnen und Juden dem Zionismus, der als einziger dieser konzeptionellen Ansätze den programmatischen Versuch unternahm, ein jüdisch-nationales Selbstverständnis zu entwickeln – und zwar weitgehend unabhängig vom ‚deutschen‘ Paradigma.

Für Schriftsteller*innen, Künstler*innen und Intellektuelle jüdischer Herkunft verschärften sich in diesem Sinne seit 1933 innerhalb Deutschlands die politischen und kulturpolitischen Rahmenbedingungen und Spielräume (etwa im Kontext eigenständiger jüdischer Institutionen), innerhalb derer wie auch immer ausgerichtete Positionsbestimmungen zu Traditionen deutscher und europäischer Kultur im Kontext kultureller wie künstlerisch-ästhetischer Neupositionierung verhandelt wurden bzw. überhaupt noch verhandelt werden konnten. Kulturelle Aktivitäten im NS-Deutschland müssen vor diesem Hintergrund – auch in ihren philosophischen wie künstlerisch-ästhetischen Traditionsbezügen – seit 1933 vor allem auch als Ausdruck sprachlicher bzw. künstlerischer Handlungen in einem spezifischen historischen wie politischen Kontext gesehen werden. Sie wurden ausgeübt unter dem existenziellen Druck dieser Jahre wie in dem zeitgenössischen Bewusstsein, dass gerade die aus aufklärerischem Denken hervorgegangene Position der Emanzipation in die (deutsche) bürgerliche Gesellschaft vom NS-Staat offiziell verweigert wurde. Aufgrund der Maßgaben der NS-Kulturpolitik markierte vielmehr jede Bekundung einer gleichberechtigten kulturellen Zugehörigkeit zum deutschen Staat oder zur deutschen Kultur eine der wesentlichen Leerstellen, die das kulturelle Leben von Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Intellektuellen jüdischer Herkunft im NS-Deutschland nachhaltig prägen sollten und die in diesem Sinne bereits als eine seiner entscheidenden Deformationen beschrieben werden müssen: Eine durch die staatliche Zensurpolitik geforderte programmatische Trennung von sogenannter ‚deutscher‘ und ‚jüdischer‘ Kultur und – damit einhergehend – die Beschränkung kultureller Entwicklungen in dem sich nach 1933 im NS-Deutschland formierenden jüdischen Kulturkreis auf rein ‚jüdische‘ Bel­an­ge, also auf die von Zensurmaßnahmen erzwungene Ausbildung einer ausschließlich ‚jüdischen‘ Literatur, Musik und Kunst.

Das Verhältnis zu Traditionen deutscher, jüdischer und europäischer Kunst und Kultur wurde in diesem Sinne geradezu zur ‚Gretchenfrage‘ intellektueller und künstlerisch-ästhetischer Positionsbildungen sowie erkennbarer Bemühungen um kollektive Selbstverständigung in und zu einem rassistischen und antisemitischen System, die in allen Promotionen an unterschiedlichen Gegenständen gemeinsam untersucht werden soll und die – je nach unterschiedlicher thematischer Ausrichtung der einzelnen Dissertationen – auch zu unterschiedlichen Erkenntnissen über die individuellen künstlerischen wie intellektuellen Positionierungen der damaligen Akteure führen wird. Der methodische Ansatz des Projekts gründet in der Überzeugung, dass selbst in Zeiten der Verfolgung die Geschichte von Juden und Nicht-Juden in Deutschland eine vielfältige, ebenso kreative wie fragile ‚Beziehungsgeschichte‘ ist – eine Beziehungsgeschichte zwischen einer selbstbestimmten deren jüdische Akteure einerseits Vertreter einer selbstbestimmten, eigenständigen jüdischen Kultur und einer gemeinsamen deutschen Geschichte und Kultur, deren viel diskutierte, reale Beschaffenheit sich hier gerade in der Katastrophe erweist.

Die disziplinär unterschiedlich angelegten Promotionen versprechen damit in ihren individuellen Arbeitsergebnissen wie in der Zusammenschau ihrer Arbeiten gemeinsam Erkenntnisse über:

  • die intellektuelle bzw. künstlerische Bedeutsamkeit jeweils einzelner Persönlichkeiten, deren Werke erstmals erschlossen und die in ihrer Bedeutsamkeit für Entwicklungen in Philosophie, Literatur und Musik in den 1930er und 1940er Jahren sowie in ihrer Relevanz bis in die Gegenwart untersucht werden sollen,
  • die realen Möglichkeiten, die jüdische Akteure in der Spannung zwischen einer eigenständigen jüdischen Kultur und der gemeinsamen deutschen Geschichte und Kultur in einem kulturellen Feld unter den Bedingungen einer Diktatur und der zunehmenden existentiellen Verfolgung tatsächlich hatten, und die Frage, wie diese Möglichkeiten auch im Sinne eines Widerspruchs gegen das herrschende NS-System noch ausgeschritten wurden oder werden konnten,
  • die Mechanismen von staatlichem Antisemitismus und Rassismus in der NS-Zeit in einem deformierten kulturellen Feld, dessen Konturen und spezifische Charakteristika schließlich in den Arbeitsergebnissen der Promotionen in ihrer Gesamtheit sichtbar werden können.
  • Auch Entwicklungstendenzen von Literatur, Philosophie und Musik in der Moderne bis in die Nachkriegsjahre hinein können aus einer erweiterten Perspektive verstehbar werden. Ein späterer gemeinsamer Promotionsort in einem Verlag wird daher anvisiert.

Das Promotionskolleg ist ein Kooperationsprojekt des Axel Springer Lehrstuhls für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration an der Universitäten Frankfurt/Oder (Prof. Dr. Kerstin Schoor, Sprecherin des Kollegs), der Martin Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie und des Buber-Rosenzweig-Instituts für Jüdische Geistes- und Kulturgeschichte der Moderne an der Goethe-Universität Frankfurt/Main (Prof. Dr. Christian Wiese) und des Lehrstuhls für die Geschichte der jüdischen Musik an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar (Prof. Dr. Jascha Nemtsov).

Das Promotionskolleg wird mit 9 Stipendien von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert und wird seinen Sitz in Berlin am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg in der Habelschwerdter Allee 34 A haben, einer Villa gegenüber dem Hauptgebäude der Freien Universität Berlin mit ihrer philologischen Bibliothek, den Vorlesungs- und Seminarräumen und der Mensa in unmittelbarer Nähe. Das Selma Stern Zentrum bietet Arbeitsplätze für alle Nachwuchswissenschaftler*innen sowie für Gespräche und kleinere Kolloquien mit den betreuenden Hochschullehrer*innen, wodurch der kontinuierliche wissenschaftliche Austausch über die spezifischen Forschungsvorhaben wie die gemeinsamen Fragestellungen des Kollegs abgesichert ist. Als internationale Kooperationspartner konnten das International Institute for Holocaust Research der Erinnerungsstätte Yad Vashem, das Franz Rosenzweig Minerva Research Center der Hebrew University of Jerusalem, das Leo Baeck Institute Jerusalem sowie das Music Department des Dr. Hecht Arts Center der University of Haifa gewonnen werden.

Die Frist für Bewerbungen um Promotionsstipendien ist am 2. November 2023 abgelaufen, wird jedoch in Kürze noch einmal erneuert.

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