Forschungsprojekt

Die historische Semantik der Buber-Rosenzweig-Bibel

Martin Buber nahm Mitte der 1920er Jahre gemeinsam mit Franz Rosenzweig die Übersetzung der hebräischen Bibel ins Deutsche auf; programmatisch begriffen sie ihr Unterfangen als „Verdeutschung der Schrift“. Sie strebten eine innige Verbindung des Deutschen und des Hebräischen an, die Rosenzweig 1926 als „Vermählung der beiden Sprachgeister“ bezeichnete. Zwar wurde die Übertragung ohne Kommentar veröffentlicht, der Anspruch drückte sich jedoch in der gewählten Sprachform aus. Bis wenige Tage vor seinem Tod am 10. Dezember 1929 arbeitete Rosenzweig noch intensiv an der Verdeutschung. Buber setzte sie bis zu seiner Emigration 1938 alleine fort. 15 von geplanten 20 Bänden konnten bis dahin erscheinen. Um 1950 nahm er sie wieder auf, revidierte die zuvor entstandenen Teile und stellte sie zu Beginn der 1960er Jahre fertig.
In der National Library of Israel werden Arbeitspapiere zur Verdeutschung der Schrift aufbewahrt, die über Hintergrund und Herangehensweise Aufschluss geben. Diese in weiten Teilen noch unveröffentlichten Quellen – eine eindrückliche Auswahl ist in Rosenzweigs Schriften Der Mensch und sein Werk von Rachel Bat-Adam als Band 4.2 (1984) ediert worden – zeigen, wie Buber und Rosenzweig ihre Übersetzungsprinzipien erarbeiteten, wie sie über wörtliche Entsprechungen diskutierten und wie sich der Austausch zwischen ihnen gestaltete. Während die Buber-Rosenzweig-Bibel etablierter Gegenstand der Forschung ist, steht eine systematische Bearbeitung der Arbeitspapiere in ihrer Vollständigkeit noch aus.
Dieses Vorhaben, das in engem Austausch mit Professor Benjamin Pollock und Dana Rubinstein am Franz Rosenzweig Minerva Research Center an der Hebräischen Universität in Jerusalem durchgeführt wird, nimmt die Repräsentationen der deutschen Sprache in der Bibelübertragung in den Blick – nicht zufällig bezeichneten Buber und Rosenzweig ihre Übersetzung 1926 als „deutsches Sprachwerk“. Anhand der Arbeitspapiere sollen Anliegen und Vorgehensweise auf den Status der deutschen Sprachgeschichte hin befragt werden. In ihnen ist detailliert abgebildet, wie Buber und Rosenzweig mit den Wörterbüchern des 19. Jahrhunderts arbeiteten, wie sie Synonyme recherchierten, Wortbildungen nachspürten oder über Prä- und Suffixe nachdachten, um die deutsche Sprache ganz immanent dem hebräischen Urtext anzunähern. Vermittels historischer Tiefenschürfungen entfalteten sie – so die These – eine Semantik jüdischer Zugehörigkeit mit und in der deutschen Sprache, die in Bubers Denken nachverfolgt werden kann.